Alex allein in Nord-Ost-China – Changchun

Beim Einsteigen in den Flieger habe ich mich etwas gefürchtet. Noch aus meiner Kindheit kenne ich ein Rätselbuch, wo auf einem Bild eine Menschenschlange beim Einstieg ins Flugzeug abgebildet war und die Frage gestellt wurde: wer ist hier der Selbstmörder, der vorhat die Maschine in die Luft zu jagen? Es handelte sich im einen Flug nach Alaska und alle bis auf einen, hatten dicke Jacken und Koffer dabei.

Auch auf dem Weg nach Changchun sah ich nun einige Herren in Anzügen die sonst nicht viel dabei hatten, trotz der aktuell herrschenden Temperaturdifferenz von gut 25 Grad zwischen Changchun und Nanjing. Das Rätsel hat sich bei der Ankunft aufgelöst, denn diese wurden von deren Fahrern, Assistenten oder wem auch immer abgeholt und sofort in die wärmsten Pelzmäntel umwickelt.

Ein interessantes Gespräch ergab sich mit einem Mann, mittleren Alters beim Warten auf die Koffer. Er kommt aus Changchun, arbeitet jedoch weit weg von der Familie in Nanjing, wo das Gehaltsniveau wohl höher sei. Pendelt dann mit dem Flieger an Wochenenden und Feiertagen hin und her. Er arbeitet für eine westliche Firma und sei wohl mit allen ganz gut zufrieden. Jedoch gäbe es inzwischen viele sehr Reiche hier, die sich luxuriöse deutsche Autos leisten können: Mercedes und BMW. Auf meine Frage hin, welches er besäße, antwortete er bescheiden :“nur einen Audi A6″.

Nach dem Einchecken im Hotel bin ich bald wieder raus um einen Spaziergang in der frostigen Luft zu machen und mir eventuell ein  paar wärmere Klamotten in dem, von den Kollegen  empfohlenen Kaufhaus auszusuchen.

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Es war sehr interessant, wie in der Kindheit sich auf den vereisten Straßen fortzubewegen, in kleinen Schritten auf die Gefahr hin, hinzufliegen. Dabei habe ich ein auf dem Gehweg abgestelltes Auto entdeckt, das durch den zusammengekehrten Schnee fast komplett bedeckt war und mit Sicherheit bis zum Frühling dort gefangen gehalten wird:-) leider hatte ich keine kamera dabei.

Bald war ich froh das Kaufhaus erreicht zu haben, so gut waren meine Klamotten doch nicht. Nachdem ich die europäischen Preise für die einheimischen Waren entdeckt habe, musste ich mir einreden, dass meine Schuhe noch gar nicht sooo schlecht sind und die paar Tage bestimmt durchhalten werden:-)

Auf dem Rückweg habe ich in der Nähe des Hotels ein „deutsches Brauhaus“ entdeckt. Es war der erste Weihnachtstag, so dass ich ruhigen Gewissens reingegangen bin. Es war recht gemütlich drin. Neben mir waren gerade mal Besucher an 2 Tischen dran, also nicht gerade ein Hochbetrieb. Dennoch lies ich mir meinen Weizen bei angenehmer Live-Musik  wohlschmecken. Somit war der erste Tag überstanden.

 

Nach dem reichlichen und guten Frühstück am nächsten Morgen, wurde ich von dem Firmenfahrer abgeholt. Ich habe die Entfernung unterschätzt und die mögliche Fahrgeschwindigkeit auf den vereisten schmalen Straßen, die für so viel Verkehr nicht ausgelegt sind, überschätzt. Unterwegs sah ich einen am Straßenrand eingeparkten Geländewagen, recht neu, jedoch mit der nach unten hängenden hinteren Stoßstange, die wohl ein vorbeifahrendes Auto auf der glatten Straße einfach mitgenommen hat. Vom beteiligten Fahrzeug keine Spur. Willkommen im Land der Mitte:-)  Ein weiteres Mal wurde mein Blick durch einen zugefrorenen und unter weißen Decke verborgenen Fluss  hinzugezogen. Herrlich!!! So was kriegt man nicht jeden Winter in Deutschland zu sehen.

Das Mittagessen durfte ich in der Werkskantine zu mir nehmen. Das Essen wurde aufs Metalltablett geknallt, in die dafür vorgesehenen Vertiefungen. Erinnerte mich zwar an ein Essen für Knackies, aber es war genießbar und so gesellte ich mich zu den anderen Mitarbeitern unseres Unternehmens, vorwiegend aus der Fertigung. Der junge Kollege der mich hinschickte erzählte später, das der Betreiber der Kantine seine letzten Tage da abzählte und dadurch die Essensqualität leiden würde. Als Entschädigung bat er mir für morgen an, woanders zu speisen. Anschließend erkundigte ich mich über den möglichen Zeitvertreib für den heutigen Abend. Bekam auf der Karte gezeigt, wo die meistbesuchten Lokale liegen. Also machte ich mich abends auf den Weg dorthin. Die Außentemperatur ist im Vergleich zum Vorabend von kühlen -30 auf angenehmere -20 gestiegen. Motiviert durch wunderschöne winterliche Motive bei Nacht habe ich die knappen 3 Kilometer Entfernung zu der besagten Straße , die von den Ausländern beliebt und besucht sei, locker zurückgelegt. Schlimmer wurde es, als ich nach dem langen Weg nichts desgleichen entdeckt habe. War wohl ein „nicht besuchter Tag“. Den gleichen Rückweg wollte ich meinen frierenden Füßen ersparen und ein Taxi nehmen. Erst der dritte Taxifahrer lies mich rein. Irgendwie half ihm die Hotelkarte nicht weiter, er kannte weder das Hotel, noch die Straße. Er rief dann jemanden an und lies es sich erklären, wonach er mich problemlos hinfuhr. Ein hoch auf die chinesische Hilfsbereitschaft!

Das Training am zweiten Tag gestaltete sich flüssiger: schließlich waren es die gleichen Inhalte nur für die anderen Kollegen. Mittags wurde mir angeboten mal außerhalb des Firmengeländes zu essen. Dieses Angebot ließ ich mir nicht entgehen und ich habe es nicht bereut. Mein Begleiter war ein recht junger Mann, der, wie das Schicksal so wollte, ursprünglich aus Nanjing kam, jedoch bereits zum studieren ins ferne Changchun kam. Man muss wissen, dass auch in China die großen Städte wie Shanghai und Co. den besseren Ruf genießen, so dass die Studenten sich drum bemühen müssen. So eine Art von Numerus Klausus. Die Studenten mit niedrigerem Notendurchschnitt kommen an die Unis die nicht so attraktiv sind. Dafür hat er bereits im Studium Deutsch als Fremdsprache belegt und ich konnte mich unterwegs mit meinem Begleiter halbwegs auch in der gewohnten Sprache unterhalten. Er führte mich in ein großes Gebäude, wo im Erdgeschoß ein Bauernmarkt ist und im ersten Obergeschoß entlang der Wände ordneten sich -zig kleine Küchen in denen diverse Leckereien zubereitet wurden. In der Mitte reihten sich Tische die bereits ziemlich gut besetzt waren. Die Menge der Anbieter machte die Auswahl des Mittagsgerichtes nicht einfach. Ich verlies mich auf den Geschmack meines Begleiters und wurde mit einem sehr leckeren Essen belohnt. Da ich noch die Kosten übernommen habe wurde sofort ausgemacht den nächsten Mittag auch hier zu verbringen. Der gesunde Wettbewerb sorgt dafür dass an jedem Stand wirklich gutes und dazu noch günstiges Essen angeboten wird. So eine `Kantine` habe ich Nanjing leider noch nicht entdeckt.

Abends ging ich noch mal raus und schlenderte durch die Straßen und genoss den lang vermissten Winter. Morgen, am dritten Tag ging es schon zurück nach Nanjing.

 

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